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BBZ "lebensart" e.V. Fachzentrum für geschlechtlich-sexuelle Identität

Beesener Straße 6
06110 Halle (Saale)

bbz@bbz-lebensart.de

Telefon: 0345-2023385

Fakten zum Themenfeld:  Sexuelle Orientierungen

  • Die sexuelle Orientierung beschreibt, auf welches Geschlecht sich das sexuelle und emotional-romantische Begehren eines Menschen richtet. Zwischenmenschliches Begehren und Sexualität drücken sich auf vielfältige Weise aus. Hetero-, Bi-, Pan- und Homosexualität sind gleichwertige Ausdrucksformen des menschlichen Begehrens sowie der sexuellen Identität, die zur Persönlichkeit des betreffenden Menschen gehören.

  • Pansexualität bezeichnet die sexuelle Orientierung von Personen, die in ihrem Begehren keine Vorauswahl nach Geschlecht, Geschlechtsmerkmalen bzw. Geschlechtsidentität treffen. Sie weist über die mit Bisexualität bezeichnete sexuelle Orientierung, sich zu zwei Geschlechtern hingezogen zu fühlen, hinaus und bezieht in die Möglichkeit des Begehrens auch nicht-binäre sowie trans- und intergeschlechtliche Menschen ein. Bei asexuellen Menschen ist das sexuelle Begehren (im Gegensatz zum emotional-romantischen Begehren) zu anderen Menschen nicht vorhanden.

  • Die Generalversammlung des Weltärztebundes hat im Oktober 2013 eine Stellungnahme verabschiedet, die klar stellt, dass Homosexualität keine Krankheit sondern eine natürliche sexuelle Orientierung ist. Es wird betont, dass direkte und indirekte Diskriminierung sowie Stigmatisierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung häufige Ursachen für seelische und körperliche Erkrankungen sind. Konversions- oder Reparationstherapien werden strikt abgelehnt und auf psychische Störungen als Folge solcher Therapieversuche verwiesen. (Begleitartikel von Frau Dr. med. Mahler im Deutschen Ärzteblatt)

  • Sexuelle Orientierungen stellen ein Kontinuum dar. Durch verschiedene Befragungen zwischen 1996 und 2017 ist für Deutschland belegt, dass mindestens 5 % der Menschen ausschließlich homosexuell orientiert sind - in jeder Klasse im Schnitt also ein*e Schüler*in. Ein weitaus größerer Anteil der Menschen verortet sich im Kontinuum zwischen den Polen hetero- und homosexuell - als bi-interessiert/bi-neugierig bzw. bisexuell. Umfragen aus Deutschland ergeben hierzu 15 % bis 35 % der Menschen. Von einigen Sexualwissenschaftler*innen wird angenommen, dass die Mehrheit der Menschen gleichgeschlechtliches Begehren latent mehr oder weniger stark in sich trägt.

  • Beim Terminus Sexuelle Orientierung handelt es sich um verschiedene Ebenen.
    Wie kann ich einschätzen, welche sexuelle Orientierung die meine ist?:
    1. sexuell-erotische Gedanken, Phantasien und Träume ("Kopfkino")
    2. Begehren/Verlangen – von welchem Geschlecht fühle ich mich sexuell angezogen/erregt
    3. sexuelles Verhalten – konkrete Handlungen und Erfahrungen
    4. Erleben sexuellen Verhaltens – als lustvoll/angenehm, zwiespältig oder unangenehm/abstoßend
    5. emotionale/soziale Vorlieben, einschließlich der Fähigkeit sich zu verlieben – in welches Geschlecht
    6. Selbstidentifikation – über eine Kontinuität im eigenen Erleben; Selbstbezeichnung als heterosexuell, bisexuell, homosexuell (lesbisch, schwul), pansexuell bzw. die Weigerung sich zuzuordnen
    Hinzu kommt die Zeitachse, da die sexuelle Orientierung nicht unbedingt als konstant, sondern auch als veränderlich angenommen wird.

  • Im Jahr 2001 wurde in Deutschland für gleichgeschlechtliche Paare das Rechtsinstitut der Eingetragenen Lebenspartnerschaft eingeführt, das bis zuletzt in einigen Bereichen nicht mit der Ehe gleichgestellt war. Am 30. Juni 2017 beschloss der Deutsche Bundestag als 23. Land der Welt die Öffnung der Ehe für alle in Deutschland, welche am 01.10.2017 in Kraft trat. Aktuell ist in folgenden 27 Ländern die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet: Niederlande, Belgien, Spanien, Norwegen, Schweden, Island, Portugal, Dänemark, Frankreich, Luxemburg, Großbritannien, Irland, Finnland, Kanada, Südafrika, Argentinien, Brasilien, Neuseeland, Uruguay, USA, Kolumbien, Deutschland, Malta, Australien, Österreich, Taiwan, Costa Rica (vs. ab 2020).

  • Ein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz verbietet in Deutschland seit 2006 eine Benachteiligung u. a. aufgrund der sexuellen Identität vor allem im Beruf und Zivilrecht. Das Grundgesetz der BRD und die Landesverfassung von Sachsen-Anhalt beinhalten bislang keinen expliziten Schutz vor Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund der sexuellen Orientierung.

  • Eine repräsentative Studie der Universität Bamberg (Rupp 2009) zur Situation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften ergab, dass "Regenbogeneltern" gleichermaßen gute Eltern wie andere an ihren Kindern interessierte Eltern sind. Für das Kindeswohl ist es nicht erforderlich, dass die Erziehung nach dem klassischen Rollen-Modell von verschiedenen Geschlechtern gleichermaßen übernommen wird. Maßgeblicher Einflussfaktor ist laut der Studie vielmehr eine gute Eltern-Kind-Beziehung unabhängig vom Geschlecht der Eltern. Die Ergebnisse der Kinderstudie ergaben, dass sich Kinder und Jugendliche in Regenbogenfamilien ebenso gut entwickeln wie Kinder in anderen Familienformen. Entscheidend fur die Entwicklung der Kinder ist nicht die Struktur der Familie, sondern die Qualitat der innerfamilialen Beziehungen.

  • Der Begriff Homophobie umfasst umfasst die emotionale Abneigung bzw. kognitive Ablehnung gegenüber homo- und bisexuellen Menschen sowie Homosexualität allgemein. Ausdrucksformen sind Abwehr und Angst (auch die unbewusste Angst vor der Infragestellung der eigenen Identität), Hass, Vorurteile, Abwertung und negative Einstellungen. Aus Homophobie können Diskriminierung und Gewalt erwachsen. Sozialwissenschaftler*innen ordnen Homophobie als eine Form "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" ein. Sie ist demnach keine phobische Störung im medizinischen Sinne. Ursachen für Homophobie sind vor allem Unkenntnis, traditionelle Geschlechterrollen, fundamentalistische Religiosität, fehlender Kontakt zu offen lebenden Lesben, Schwulen und Bisexuellen sowie unterdrücktes, verdrängtes homosexuelles Begehren.

  • "Schwuchtel" ist das von Jugendlichen mit am häufigsten verwendete Schimpfwort. Zudem wird das Wort "schwul" oft gebraucht, um Dinge zu bezeichnen, die als nervend/schlecht empfunden werden. Eine Befragung an Berliner Schulen ergab, dass 40% der Berliner Sechstklässler*innen und 22% aus 9./10. Klassen das Wort "Lesbe" als Schimpfwort verwenden. "Schwuchtel" oder "schwul" benutzten 62 % der Sechstklässler*innen als Schimpfwort, in den 9./10. Klassen sind es 54 %. Die Erfahrungen des BBZ "lebensart" belegen, dass "Schwuchtel" in Sachsen-Anhalt noch häufiger von Schüler*innen verwendet wird. Der Gebrauch der Schimpfwörter fördert ein Klima, welches nicht-heterosexuellen und nicht-Geschlechterrollen-konformen Schüler*innen das Leben schwer macht.

  • Die Studie über "Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland" (Befragung Oktober/November 2016), die von Prof. Dr. Beate Küpper von der Hochschule Niederrhein unter Mitarbeit von Dr. Ulrich Klocke (Humboldt-Universität zu Berlin) und Carlotta Hoffmann (Hochschule Niederrhein) im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes durchgeführt wurde, ergab unter anderem:
    - 80,6 Prozent halten die Aussage, dass Homo- und Bisexuelle in Deutschland immer noch diskriminiert bzw. benachteiligt werden, für voll und ganz oder eher zutreffend

    - 94,6 Prozent finden es "voll und ganz" bzw. "eher" gut, dass es einen gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung gibt
    - 89,6 Prozent stimmen dem Ziel zu, in Schulen Akzeptanz gegenüber homo- und bisexuellen Personen zu vermitteln
    .
    Je mehr das Thema Homo- und Bisexualität ihren privaten Lebensbereich berührt, desto skeptischer äußern sich die Befragten: relativ wenige empfänden es als "sehr" oder "eher" unangenehm, wenn Arbeitskollegen homosexuell sind (11,8 Prozent bei einer lesbischen Kollegin, 12,6 Prozent bei einem schwulen Kollegen). Hingegen sagen 39,8 Prozent der Befragten, es wäre ihnen "sehr" oder "eher" unangenehm zu erfahren, dass die eigene Tochter lesbisch ist; 40,8 Prozent, wenn der eigene Sohn schwul ist.

    Auch die Sichtbarkeit homosexueller Paare in der Öffentlichkeit ist vergleichsweise vielen Befragten unangenehm: 38,4 Prozent sehen es demnach nicht gern, wenn zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigen, etwa indem sie sich küssen. 27,5 Prozent finden es unangenehm, wenn es sich um zwei Frauen handelt. Zum Vergleich: Ihre Zuneigung zeigende heterosexuelle Paare empfinden knapp 10,5 Prozent als unangenehm.

    Offen abwertende Einstellungen gegenüber Homosexuellen werden von einer Minderheit geteilt: 18,3 Prozent stimmen jedoch der Aussage "eher" bzw. "voll und ganz" zu, Homosexualität sei unnatürlich.

  • Die Studie "Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland" (Universität Leipzig 2016) zeigt auf, dass die Abwertung von Homosexuellen in den letzten Jahren an Rückhalt in der Bevölkerung gewonnen hat. So finden es 40 Prozent "ekelhaft", wenn sich gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit küssen. Der These, dass Homosexualität unmoralisch sei, stimmten ein Viertel der Befragten zu. 36 Prozent finden zudem, dass gleichgeschlechtlichen Paaren weiterhin das Ehe-Recht vorenthalten werden soll. Bei all diesen Fragen gibt es einen deutlichen Anstieg zu den vorherigen Erhebungen.

  • Homo- und bisexuelle Menschen werden oft auf ihre Sexualität reduziert. Andere, ganz wesentliche Aspekte ihrer Lebensweise sind neben Arbeit und Interessen jedoch auch Beziehungen und Freundschaften und die Fähigkeit sich zu verlieben und zu lieben. All dies sind zentrale Dimensionen menschlicher Existenz, deren Leugnung bzw. Zuweisung/Verbannung in den engsten privaten Raum Menschen oft seelisch und körperlich stark beeinträchtigt.

  • Studien zur Lebenssituation von homo- und bisexuellen Jugendlichen belegen eine erhöhte psycho-soziale Belastung. So zeigt Meike Watzlawik (2004), dass lesbische und schwule Jugendliche unter der Negativ-Wahrnehmung oder Nicht-Wahrnehmung ihrer sexuellen Orientierung leiden und teilweise destruktive Bewältigungsstrategien wählen, um ihre innere Zerissenheit und Unzufriedenheit aushalten zu können. Verschiedene Studien (für Deutschland: Land Berlin 1999, Biechele u. a. 2001) besagen, dass die Rate von Selbstmordversuchen bei homosexuellen Jugendlichen etwa viermal so hoch ist wie bei heterosexuellen Jugendlichen.

    Die Studie "Coming-out – und dann…?!" (Deutsches Jugendinstitut, 2015) zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen ergab, dass das innere Coming-out, also der Prozess der Bewusstwerdung und die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität, häufig Jahre dauert und oft als belastend erlebt wird.
    Viele LSBT-Jugendliche versuchen aus Sorge vor negativen Reaktionen ihrer Eltern und Geschwister, im Freundeskreis, in der Schule oder in der Ausbildung über einen längeren Zeitraum ihre "wahren Gefühle" zu unterdrücken oder zu verheimlichen. 61% der Befragten gaben an, sich vor einem Coming-out im schulischen oder beruflichen Kontext zu fürchten und die meisten vermeiden ein Coming-out während der Schulzeit aus Angst vor Ausgrenzung und Mobbing.
    Rund zwei Drittel gaben an, dass in ihrem engeren Familienkreis ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht ernst genommen worden sei. Knapp 17 Prozent erklärten, sie seien von Familienmitgliedern beleidigt, beschimpft oder lächerlich gemacht worden, drei Prozent berichteten von Gewalt aufgrund ihres Coming-outs. 44% aller Befragten gaben an, in der Vergangenheit Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung odergeschlechtlichen Identität im Bildungs- oder Arbeitskontext erlebt zu haben.

  • Das Ausmaß von Diskriminierung und Gewalt ist weiterhin hoch. Folgende aktuelle Studien belegen dies.
    --> Schwule und bisexuelle Männer sind erhöhten gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, wenn sie unter Diskriminierung auf Grund ihrer sexuellen Orientierung leiden. Dies geht aus der Studie "Schwule Männer und HIV/Aids" hervor, für die knapp 17.000 Männer 2013/2014 befragt wurden. Die Untersuchung zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Diskriminierung, psychischen Erkrankungen und HIV-Risiken. 15% der Studienteilnehmer hatten in den 12 Monaten vor der Befragung verbale oder körperliche Gewalt erfahren. Bei den 16-19-Jährigen waren es sogar 37 Prozent.

    Die Abwertung, die mit Diskriminierungserfahrungen verbunden ist, wirkt sich negativ auf das Selbstwertgefühl aus. Drei Viertel der Befragten haben negative Einstellungen gegenüber Homosexualität verinnerlicht. Je stärker dies der Fall ist, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass homo- und bisexuelle Männer unter Depressionen und Angsterkrankungen litten und zu ungeschütztem Analverkehr und risikovollem Drogenkonsum neigten. Junge Schwule sind hiervon besonders betroffen.

    --> Die im Jahr 2010 durchgeführte EMIS-Studie, an der über 54.000 schwule und bisexuelle Männer aus Deutschland teilnahmen, ergab, dass 13 % aller Befragten Opfer körperlicher Gewalt geworden sind und 41 % Bedrohungen und Beleidigungen erlebten. In den letzten 12 Monaten vor der Befragung erlebten bei den unter 20-Jährigen 7 % Gewalt und 59 % mussten Erfahrungen mit verbaler Diskriminierung machen, bei den 20 bis 29-jährigen waren es 3 %, die geschlagen bzw. 41 %, die beleidigt wurden.
    --> Die LesMigraS-Studie zu Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, bisexuellen und Trans*-Frauen, an der sich im Jahr 2011 2143 Personen beteiligten, ergab, dass 30,7 % der Befragten wegen ihrer lesbischen/bisexuellen Lebensweise am Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz gemobbt wurden. 72,6 % der Frauen sind der Meinung, dass ihre Leistungen aufgrund ihrer lesbischen/bisexuellen Lebensweise schlechter bewertet wurden.
    --> Eine Studie des Instituts für Psychologie der Christian‐Albrechts‐Universität zu Kiel unter Leitung von Dr. Anne Bachmann (Erhebung 2011) belegt, dass etwa zwei Drittel der schwulen Männer und die Hälfte der bisexuellen Männer Diskriminierung in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung erlebt hat. Häufigste Formen sind Beleidigungen, Bedrohungen und Ungleichbehandlungen, die vor allem am Arbeitsplatz und im Bekanntenkreis erlebt werden. 9% der schwulen Männer berichteten, in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung gewalttätig angegriffen worden zu sein.
    --> Eine Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (wichtigste Ergebinisse hier) im Jahre 2012 in allen EU-Mitgliedstaaten und Kroatien ergab, dass sich zahlreiche Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender im Alltag nicht bekennen können. Viele verheimlichen ihre Identität und leben in Isolation oder Angst. Andere erfahren Diskriminierung oder sogar Gewalt, wenn sie ihre sexuelle Orientierung bzw. Geschlechtsidenität offen leben.
    --> Eine 2013 durchgeführte Befragung im Bundesland Rheinland Pfalz (Langfassung und Kurzfassung) im Auftrag der Landesregierung ergab, dass über die Hälfte der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* wegen ihrer sexuellen Orientierung bzw. Geschlechtsidentität Benachteiligungen und Diskriminierung erleben mussten. Besonders wurden der öffentliche Raum und die Schule als Orte der Diskriminierung benannt. Insgesamt zeigt sich eine stärkere Benachteiligung der befragten transsexuellen Menschen gegenüber anderen Identitätsgruppen in nahezu allen Lebensbereichen.

  • Im deutschen Strafrecht gab es seit 1875 den Paragraf 175, welcher einvernehmliche gleichgeschlechtliche Kontakte zwischen Männern kriminalisierte. Die Nazis verschärften 1935 diesen Paragrafen. Zehntausende wurden wegen "Unzucht" verurteilt, tausende Homosexuelle in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Auch nach dem Krieg gab es viele zehntausende Verurteilungen. Diese Urteile gelten bis heute als rechtskräftig und die Verurteilten als vorbestraft. Erst 1994 wurde der § 175 endgültig abgeschafft. Eine Rehabilitierung erfolgte sehr spät: im Jahr 2002 für die Zeit von 1933-45 bzw. im Jahr 2017 für Verurteilungen nach 1945.

  • In vielen Ländern der Welt ist die Menschenrechtssituation von homo- und bisexuellen Menschen weiterhin äußerst prekär. In 12 Ländern (Iran, Afghanistan, Pakistan, Vereinigte Arabische Emirate, Qatar, Saudi Arabien, Jemen, Sudan, Mauretanien, Brunai, Teile von Somalia und Nigeria) droht besonders Männern für einvernehmliche homosexuelle Handlungen/Beziehungen die Todesstrafe und in über 60 Ländern (vor allem auf dem afrikanischen Kontinent) gelten hohe Haftstrafen zum Teil bis zu lebenslänglich für gleichgeschlechtliches Begehren.

    ILGA-Weltkarte (2019) zu Menschenrechten von homo- und bisexuellen Menschen weltweit

  • Viele in pädagogischen Bereichen Tätige fühlen sich in Bezug auf bisexuelle, schwule und lesbische Lebensweisen unsicher und nicht ausreichend fachlich kompetent. Heterosexualität wird unreflektiert oft als alleinige Norm in Erziehung und Bildung vermittelt. Zudem wird das Themenfeld aus verschiedenen Gründen (trotz der Erwähnung in einigen Rahmenvorgaben) im Unterricht häufig umgangen. Die Studie von Dr. Ulrich Klocke (Humboldt-Universität Berlin, 2012) belegt, dass in 42 % aller Berliner Schulen der Lehrplan nicht umgesetzt wird, demzufolge das Thema geschlechtlich-sexuelle Identität im Unterricht thematisiert werden soll.


    Weitere Quellen:

- Biechele, Ulrich/Reisbeck, Günter/Keupp, Heiner: Schwule Jugendliche. Ergebnisse zur Lebenssituation, sozialen und sexuellen Identität. Hrsg. Vom Niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales, Hannover 2001

- Deutsches Jugendinstitut: Coming-out – und dann...?! Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen. München 2015

- Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Psychologie, Dr. Ulrich Klocke, 2012: Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen. Eine Befragung zu Verhalten, Einstellungen und Wissen zu LSBT und deren Einflussvariablen.
http://www.psychologie.hu-berlin.de/prof/org/download/klocke2012_1
http://www.psychologie.hu-berlin.de/prof/org/download/klocke2012_2


- Nordt, Stephanie/Kugler, Thomas: Gefühlsverwirrung queer gelesen: Zur psychosozialen Situation von LGBTJugendlichen.In: Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg und Bildungsinitiative QUEERFORMAT: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Handreichung für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe. Berlin 2012

- Rupp, M. (Hrsg.): Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften. Bundesanzeiger Verlag, Köln 2009


- Schupp, Karin: Sie liebt sie. Er liebt ihn. Eine Studie zur psychosozialen Situation junger Lesben, Schwuler und
Bisexueller in Berlin. Hrsg. Von der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Berlin 1999

- Watzlawik, Meike: Uferlos. Jugendliche erleben sexuelle Orientierungen. Hrsg. vom Jugendnetzwerk Lambda NRW, Norderstedt 2004

- Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Landesstelle für Gleichbehandlung - gegen Diskriminierung: Lebenssituationen und Diskriminierungserfahrungen schwuler und bisexueller Männer. Eine Studie des Instituts für Psychologie der Christian‐Albrechts‐Universität zu Kiel unter Leitung von Dr. Anne Bachmann. Berlin 2013