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BBZ "lebensart" e.V. Fachzentrum für geschlechtlich-sexuelle Identität

Beesener Straße 6
06110 Halle (Saale)

bbz@bbz-lebensart.de

Telefon: 0345-2023385

Sexuelle Orientierungen - Grundlagen, Aktuelles, Studien

  • Die sexuelle Orientierung beschreibt, auf welches Geschlecht sich das sexuelle und emotional-romantische Begehren eines Menschen richtet. Zwischenmenschliches Begehren und Sexualität drücken sich auf vielfältige Weise aus. Hetero-, Bi-, Pan- und Homosexualität sind gleichwertige Ausdrucksformen des menschlichen Begehrens sowie der sexuellen Identität, die zur Persönlichkeit des betreffenden Menschen gehören.

  • Pansexualität bezeichnet die sexuelle Orientierung von Personen, die in ihrem Begehren keine Vorauswahl nach Geschlecht, Geschlechtsmerkmalen bzw. Geschlechtsidentität treffen. Sie weist über die mit Bisexualität bezeichnete sexuelle Orientierung, sich zu zwei Geschlechtern hingezogen zu fühlen, hinaus und bezieht in die Möglichkeit des Begehrens auch nicht-binäre sowie trans- und intergeschlechtliche Menschen ein.

  • Asexuell sind Menschen, die kein Verlangen nach Sex mit anderen Menschen verspüren. Sie haben jedoch eine emotional-romantische Zuneigung zu anderen Menschen. Sexuelles Verlangen kann in Form von Selbstbefriedigung vorhanden sein. Auch körperlicher Kontakt (z.B. Kuscheln, Küsse) ist nicht ausgeschlossen, hat jedoch keine sexuelle Bedeutung. Demisexuell (wörtlich übersetzt: zur Hälfte sexuell, zur anderen Hälfte asexuell) sind Menschen, die grundsätzlich keine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen verspüren. Nur wenn die Person eine starke emotionale Bindung zu jemand anderem hat, kann sie den Wunsch nach Sex haben. --> Broschüre "Einblick in das Aspec"

  • Die Generalversammlung des Weltärztebundes hat im Oktober 2013 eine Stellungnahme verabschiedet, die klar stellt, dass Homosexualität keine Krankheit sondern eine natürliche sexuelle Orientierung ist. Es wird betont, dass direkte und indirekte Diskriminierung sowie Stigmatisierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung häufige Ursachen für seelische und körperliche Erkrankungen sind. Konversions- oder Reparationstherapien werden strikt abgelehnt und auf psychische Störungen als Folge solcher Therapieversuche verwiesen. (Begleitartikel von Dr. med. Lieselotte Mahler im Deutschen Ärzteblatt)

  • Der Deutsche Bundestag hat am 07.05.2020 ein "Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen" beschlossen. Es sollen Interventionen verboten werden, die darauf gerichtet sind, die sexuelle Orientierung oder selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person gezielt zu verändern oder zu unterdrücken. Konkret werden derartige "Konversionstherapien" grundsätzlich nur bei Kindern und Jugendlichen untersagt. Bei älteren Personen werden nur diejenigen "Behandlungen" untersagt, bei denen ein "Willensmangel" (durch Täuschung, Irrtum, Zwang oder Drohung) vorliegt. Verstöße sollen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder Bußgeldern bis zu 30.000 Euro geahndet werden. Als Ordnungswidrigkeit mit Bußgeldern belegt wird zudem das Bewerben oder Vermitteln dieser Pseudotherapien.
  • Sexuelle Orientierungen stellen ein Kontinuum dar. Durch verschiedene Befragungen zwischen 1996 und 2017 ist für Deutschland belegt, dass mindestens 5 % der Menschen ausschließlich homosexuell orientiert sind - in jeder Klasse im Schnitt also ein*e Schüler*in. Ein weitaus größerer Anteil der Menschen verortet sich im Kontinuum zwischen den Polen hetero- und homosexuell - als bi-interessiert/bi-neugierig bzw. bisexuell. Umfragen aus Deutschland ergeben hierzu 15 % bis 35 % der Menschen. Von einigen Sexualwissenschaftler*innen wird angenommen, dass die Mehrheit der Menschen gleichgeschlechtliches Begehren latent mehr oder weniger stark in sich trägt.
    > Online-Umfrage Markt- und Meinungsforschungsinstitut Ipsos 2021

  • Beim Terminus Sexuelle Orientierung handelt es sich um verschiedene Ebenen.
    Wie kann ich einschätzen, welche sexuelle Orientierung die meine ist?:
    1. sexuell-erotische Gedanken, Phantasien und Träume ("Kopfkino")
    2. Begehren/Verlangen – von welchem Geschlecht fühle ich mich sexuell angezogen/erregt
    3. sexuelles Verhalten – konkrete Handlungen und Erfahrungen
    4. Erleben sexuellen Verhaltens – als lustvoll/angenehm, zwiespältig oder unangenehm/abstoßend
    5. emotionale/soziale Vorlieben, einschließlich der Fähigkeit sich zu verlieben – in welches Geschlecht
    6. Selbstidentifikation – über eine Kontinuität im eigenen Erleben; Selbstbezeichnung als heterosexuell, bisexuell, homosexuell (lesbisch, schwul), pansexuell bzw. die Weigerung sich zuzuordnen
    Hinzu kommt die Zeitachse, da die sexuelle Orientierung nicht unbedingt als konstant, sondern auch als veränderlich angenommen wird.

  • Im Jahr 2001 wurde in Deutschland für gleichgeschlechtliche Paare das Rechtsinstitut der Eingetragenen Lebenspartnerschaft eingeführt, das bis zuletzt in einigen Bereichen nicht mit der Ehe gleichgestellt war. Am 30. Juni 2017 beschloss der Deutsche Bundestag als 23. Land der Welt die Öffnung der Ehe für alle in Deutschland, welche am 01.10.2017 in Kraft trat. Aktuell ist in folgenden 29 Ländern die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet: Niederlande, Belgien, Spanien, Norwegen, Schweden, Island, Portugal, Dänemark, Frankreich, Luxemburg, Großbritannien, Irland, Finnland, Kanada, Südafrika, Argentinien, Brasilien, Neuseeland, Mexiko (Großteil der Bundesstaaten), Uruguay, USA, Kolumbien, Deutschland, Malta, Australien, Österreich, Taiwan, Costa Rica, Ecuador.

  • Ein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz verbietet in Deutschland seit 2006 eine Benachteiligung u. a. aufgrund der sexuellen Identität vor allem im Beruf und Zivilrecht. Das Grundgesetz der BRD beinhaltet bislang keinen expliziten Schutz vor Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund der sexuellen Orientierung, während der Landtag von Sachsen-Anhalt am 28.02.2020 die sexuelle Identität in den Gleichheitsartikel der Landesverfassung aufgenommen hat.

  • Eine repräsentative Studie der Universität Bamberg (Rupp 2009) zur Situation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften ergab, dass "Regenbogeneltern" gleichermaßen gute Eltern wie andere an ihren Kindern interessierte Eltern sind. Für das Kindeswohl ist es nicht erforderlich, dass die Erziehung nach dem klassischen Rollen-Modell von verschiedenen Geschlechtern gleichermaßen übernommen wird. Maßgeblicher Einflussfaktor ist laut der Studie vielmehr eine gute Eltern-Kind-Beziehung unabhängig vom Geschlecht der Eltern. Die Ergebnisse der Kinderstudie ergaben, dass sich Kinder und Jugendliche in Regenbogenfamilien ebenso gut entwickeln wie Kinder in anderen Familienformen. Entscheidend fur die Entwicklung der Kinder ist nicht die Struktur der Familie, sondern die Qualitat der innerfamilialen Beziehungen.

  • Der Begriff Homophobie umfasst negative Gefühle und negative Einstellungen gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen sowie Homosexualität allgemein. Ausdrucksformen sind emotionale Abwehr und Abneigung, Angst (auch die unbewusste Angst vor Infragestellung der eigenen Identität) Hass und Feindlichkeit sowie kognitive Vorurteile, Ablehnung und Abwertung. Aus Homophobie können Diskriminierung und Gewalt entstehen. Sozialwissenschaftler*innen ordnen Homophobie als eine Form "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" ein. Sie ist demnach keine phobische Störung im medizinischen Sinne. Ursachen sind allem Unkenntnis, traditionelle Geschlechterrollen, fundamentalistische Religiosität, fehlender Kontakt zu offen lebenden nicht-heterosexuellen Menschen sowie unterdrücktes/verdrängtes homosexuelles Begehren.

  • "Schwuchtel" ist das von Jugendlichen mit am häufigsten verwendete Schimpfwort. Zudem wird das Wort "schwul" oft gebraucht, um Dinge zu bezeichnen, die als nervend/schlecht empfunden werden. Eine Befragung an Berliner Schulen ergab, dass 40% der Berliner Sechstklässler*innen und 22% aus 9./10. Klassen das Wort "Lesbe" als Schimpfwort verwenden. "Schwuchtel" oder "schwul" benutzten 62 % der Sechstklässler*innen als Schimpfwort, in den 9./10. Klassen sind es 54 %. Die Erfahrungen des BBZ "lebensart" belegen, dass "Schwuchtel" in Sachsen-Anhalt noch häufiger von Schüler*innen verwendet wird. Der Gebrauch der Schimpfwörter fördert ein Klima, welches nicht-heterosexuellen und nicht-Geschlechterrollen-konformen Schüler*innen das Leben schwer macht.

  • Die Studie über "Einstellungen gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in Deutschland" (Befragung Oktober/November 2016), die von Prof. Dr. Beate Küpper von der Hochschule Niederrhein unter Mitarbeit von Dr. Ulrich Klocke (Humboldt-Universität zu Berlin) und Carlotta Hoffmann (Hochschule Niederrhein) im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes durchgeführt wurde, ergab unter anderem:
    - 80,6 Prozent halten die Aussage, dass Homo- und Bisexuelle in Deutschland immer noch diskriminiert bzw. benachteiligt werden, für voll und ganz oder eher zutreffend

    - 94,6 Prozent finden es "voll und ganz" bzw. "eher" gut, dass es einen gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung gibt
    - 89,6 Prozent stimmen dem Ziel zu, in Schulen Akzeptanz gegenüber homo- und bisexuellen Personen zu vermitteln
    .
    Je mehr das Thema Homo- und Bisexualität ihren privaten Lebensbereich berührt, desto skeptischer äußern sich die Befragten: relativ wenige empfänden es als "sehr" oder "eher" unangenehm, wenn Arbeitskollegen homosexuell sind (11,8 Prozent bei einer lesbischen Kollegin, 12,6 Prozent bei einem schwulen Kollegen). Hingegen sagen 39,8 Prozent der Befragten, es wäre ihnen "sehr" oder "eher" unangenehm zu erfahren, dass die eigene Tochter lesbisch ist; 40,8 Prozent, wenn der eigene Sohn schwul ist.

    Auch die Sichtbarkeit homosexueller Paare in der Öffentlichkeit ist vergleichsweise vielen Befragten unangenehm: 38,4 Prozent sehen es demnach nicht gern, wenn zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigen, etwa indem sie sich küssen. 27,5 Prozent finden es unangenehm, wenn es sich um zwei Frauen handelt. Zum Vergleich: Ihre Zuneigung zeigende heterosexuelle Paare empfinden knapp 10,5 Prozent als unangenehm.

    Offen abwertende Einstellungen gegenüber Homosexuellen werden von einer Minderheit geteilt: 18,3 Prozent stimmen jedoch der Aussage "eher" bzw. "voll und ganz" zu, Homosexualität sei unnatürlich.

  • Die Studie "Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland" (Universität Leipzig 2016) zeigt auf, dass die Abwertung von Homosexuellen in den letzten Jahren an Rückhalt in der Bevölkerung gewonnen hat. So finden es 40 Prozent "ekelhaft", wenn sich gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit küssen. Der These, dass Homosexualität unmoralisch sei, stimmten ein Viertel der Befragten zu. 36 Prozent finden zudem, dass gleichgeschlechtlichen Paaren weiterhin das Ehe-Recht vorenthalten werden soll. Bei all diesen Fragen gibt es einen deutlichen Anstieg zu den vorherigen Erhebungen.

  • Homo- und bisexuelle Menschen werden oft auf ihre Sexualität reduziert. Andere, ganz wesentliche Aspekte ihrer Lebensweise sind neben Arbeit und Interessen jedoch auch Beziehungen und Freundschaften und die Fähigkeit sich zu verlieben und zu lieben. All dies sind zentrale Dimensionen menschlicher Existenz, deren Leugnung bzw. Zuweisung/Verbannung in den engsten privaten Raum Menschen oft seelisch und körperlich stark beeinträchtigt.

  • Studien zur Lebenssituation von homo- und bisexuellen Jugendlichen belegen eine erhöhte psycho-soziale Belastung. So zeigt Meike Watzlawik (2004), dass lesbische und schwule Jugendliche unter der Negativ-Wahrnehmung oder Nicht-Wahrnehmung ihrer sexuellen Orientierung leiden und teilweise destruktive Bewältigungsstrategien wählen, um ihre innere Zerissenheit und Unzufriedenheit aushalten zu können. Verschiedene Studien (für Deutschland: Land Berlin 1999, Biechele u. a. 2001) besagen, dass die Rate von Selbstmordversuchen bei homosexuellen Jugendlichen etwa viermal so hoch ist wie bei heterosexuellen Jugendlichen.

    Die Studie "Coming-out – und dann…?!" (Deutsches Jugendinstitut, 2015) zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen ergab, dass das innere Coming-out, also der Prozess der Bewusstwerdung und die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität, häufig Jahre dauert und oft als belastend erlebt wird.
    Viele LSBT-Jugendliche versuchen aus Sorge vor negativen Reaktionen ihrer Eltern und Geschwister, im Freundeskreis, in der Schule oder in der Ausbildung über einen längeren Zeitraum ihre "wahren Gefühle" zu unterdrücken oder zu verheimlichen. 61% der Befragten gaben an, sich vor einem Coming-out im schulischen oder beruflichen Kontext zu fürchten und die meisten vermeiden ein Coming-out während der Schulzeit aus Angst vor Ausgrenzung und Mobbing.
    Rund zwei Drittel gaben an, dass in ihrem engeren Familienkreis ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht ernst genommen worden sei. Knapp 17 Prozent erklärten, sie seien von Familienmitgliedern beleidigt, beschimpft oder lächerlich gemacht worden, drei Prozent berichteten von Gewalt aufgrund ihres Coming-outs. 44% aller Befragten gaben an, in der Vergangenheit Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung odergeschlechtlichen Identität im Bildungs- oder Arbeitskontext erlebt zu haben.

    Für den 7. Kinder- und Jugendbericht Sachsen-Anhalt wurden im Jahr 2018 über 2.000 junge Menschen befragt. Zwei Prozent der befragten jungen Menschen gaben bei der Frage zum Geschlecht an, trans*, inter* oder queer* zu sein. Die sexuelle Orientierung der Befragten wurde nicht erhoben. 40 Prozent aller Befragten gab an, dass ihnen der Schutz der Rechte von LSBTIQ sehr wichtig und weiteren 29 Prozent eher wichtig ist.
    11 Prozent (123 Personen!) der befragten Jugendlichen gaben an, dass sie sich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Identität benachteiligt gefühlt haben. 31 Prozent (9 Personen) der Jugendlichen, die angaben, trans*, inter* oder queer* zu sein, stuften ihre eigene Gesundheit als schlecht bzw. weniger gut ein. 30 Prozent der Befragten (9 Personen) der trans*, inter* bzw. queeren Jugendlichen waren selbst Opfer von Gewalt geworden.

  • Studienergebnisse zur Gesundheit von LSBTI* belegen geringere Chancen auf ein gesundes Leben für LSBTI*. Die am 10.02.2021 vom DIW Berlin veröffentlichten Ergebnisse basieren auf Daten des sozio-ökonomischen Panels (repräsentative Wiederholungsbefragung von Privathaushalten in Deutschland) und einer Onlinebefragung der Universität Bielefeld. Die Studienergebnisse fußen auf Angaben von mehr als 28.000 Erwachsenen im Jahr 2019, von denen sich rund 4.500 selbst als LSBTI* beschrieben.
    In Deutschland sind LSBTI* zweieinhalb mal häufiger von Depressionen betroffen als cisgeschlechtliche, heterosexuelle Menschen. Der Anteil von LSBTI* mit Herzkrankheiten, Asthma und chronischen Rückenschmerzen ist weitaus höher als in der restlichen Bevölkerung, LSBTI* fühlen sich doppelt so oft einsam als die restliche Bevölkerung und 40 Prozent der trans* Menschen leiden unter Angststörungen. Nach aktuellem Stand der Forschung sind vor allem psycho-soziale Belastungen sowie Diskriminierungen verschiedenster Art Auslöser dieser Erkrankungen und Gesundheitsgefährdungen.

  • Das Ausmaß von Diskriminierung und Gewalt gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen ist weiterhin hoch. Folgende Studien belegen dies:
    --> Die
    Ergebnisse der zweiten Umfrage der Agentur für Grundrechte der Europäischen Union (2019 mit 140.000 Teilnehmenden) zu den Erfahrungen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI) in Europa ergab, dass Angst, Gewalt und Diskriminierung nach wie vor weit verbreitet sind.
    In Deutschland (16.000 Befragte) wurden 13 Prozent der LSBTI in den vergangenen fünf Jahren körperlich oder sexuell attackiert. Eine verbale Belästigung mussten im Jahr vor der Befragung sogar 36 Prozent in Deutschland erleiden. Die Umfrage offenbart nicht nur Angriffe und Diskriminierung, sondern auch die Angst davor: Nur 57 Prozent der LSBTI in Deutschland leben ihre sexuelle Orientierung bzw. Geschlechtsidentität offen aus. 45 Prozent der Befragten meiden aus Angst vor Angriffen, sich mit Partner*in händchenhaltend in die Öffentlichkeit zu begeben. Auch wirtschaftlich werden LSBTI benachteiligt. Laut der Studie kommt jede dritte befragte Person nur mit Mühe finanziell über die Runden. Von den Befragten in Deutschland fühlte sich eine von zehn Personen auf der Jobsuche diskriminiert. Eine Diskriminierung auf der Arbeit haben 23 Prozent erlebt.
    --> Schwule und bisexuelle Männer sind erhöhten gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, wenn sie unter Diskriminierung auf Grund ihrer sexuellen Orientierung leiden. Dies geht aus der Studie "Schwule Männer und HIV/Aids" hervor, für die knapp 17.000 Männer 2013/2014 befragt wurden. Die Untersuchung zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Diskriminierung, psychischen Erkrankungen und HIV-Risiken. 15% der Studienteilnehmer hatten in den 12 Monaten vor der Befragung verbale oder körperliche Gewalt erfahren. Bei den 16-19-Jährigen waren es sogar 37 Prozent.

    Die Abwertung, die mit Diskriminierungserfahrungen verbunden ist, wirkt sich negativ auf das Selbstwertgefühl aus. Drei Viertel der Befragten haben negative Einstellungen gegenüber Homosexualität verinnerlicht. Je stärker dies der Fall ist, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass homo- und bisexuelle Männer unter Depressionen und Angsterkrankungen litten und zu ungeschütztem Analverkehr und risikovollem Drogenkonsum neigten. Junge Schwule sind hiervon besonders betroffen.

    --> Die LesMigraS-Studie zu Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, bisexuellen und Trans*-Frauen, an der sich im Jahr 2011 2143 Personen beteiligten, ergab, dass 30,7 % der Befragten wegen ihrer lesbischen/bisexuellen Lebensweise am Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz gemobbt wurden. 72,6 % der Frauen sind der Meinung, dass ihre Leistungen aufgrund ihrer lesbischen/bisexuellen Lebensweise schlechter bewertet wurden.
    --> Eine Studie des Instituts für Psychologie der Christian‐Albrechts‐Universität zu Kiel unter Leitung von Dr. Anne Bachmann (Erhebung 2011) belegt, dass etwa zwei Drittel der schwulen Männer und die Hälfte der bisexuellen Männer Diskriminierung in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung erlebt hat. Häufigste Formen sind Beleidigungen, Bedrohungen und Ungleichbehandlungen, die vor allem am Arbeitsplatz und im Bekanntenkreis erlebt werden. 9% der schwulen Männer berichteten, in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung gewalttätig angegriffen worden zu sein.

    --> Eine 2013 durchgeführte Befragung im Bundesland Rheinland Pfalz (Langfassung und Kurzfassung) im Auftrag der Landesregierung ergab, dass über die Hälfte der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* wegen ihrer sexuellen Orientierung bzw. Geschlechtsidentität Benachteiligungen und Diskriminierung erleben mussten. Besonders wurden der öffentliche Raum und die Schule als Orte der Diskriminierung benannt. Insgesamt zeigt sich eine stärkere Benachteiligung der befragten transsexuellen Menschen gegenüber anderen Identitätsgruppen in nahezu allen Lebensbereichen.

  • Im deutschen Strafrecht gab es seit 1875 den Paragraf 175, welcher einvernehmliche gleichgeschlechtliche Kontakte zwischen Männern kriminalisierte. Die Nazis verschärften 1935 diesen Paragrafen. Zehntausende wurden wegen "Unzucht" verurteilt, tausende Homosexuelle in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Auch nach dem Krieg gab es viele zehntausende Verurteilungen. Erst 1994 wurde der § 175 endgültig abgeschafft. Eine Rehabilitierung der Verfolgten erfolgte sehr spät: im Jahr 2002 für die Zeit von 1933-45 bzw. im Jahr 2017 für Verurteilungen nach 1945.

  • In vielen Ländern der Welt ist die Menschenrechtssituation von homo- und bisexuellen Menschen weiterhin äußerst prekär. In 12 Ländern (Iran, Afghanistan, Pakistan, Vereinigte Arabische Emirate, Qatar, Saudi Arabien, Jemen, Sudan, Mauretanien, Brunai, Teile von Somalia und Nigeria) droht besonders Männern für einvernehmliche homosexuelle Handlungen/Beziehungen die Todesstrafe und in ca. 60 Ländern (vor allem auf dem afrikanischen Kontinent) gelten hohe Haftstrafen zum Teil bis zu lebenslänglich für gleichgeschlechtliches Begehren.

    ILGA-Karte (Dezember 2020) zu Gesetzen zur sexuellen Orientierung in der Welt



Weitere Quellen:

- Biechele, Ulrich/Reisbeck, Günter/Keupp, Heiner: Schwule Jugendliche. Ergebnisse zur Lebenssituation, sozialen und sexuellen Identität. Hrsg. Vom Niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales, Hannover 2001

- Deutsches Jugendinstitut: Coming-out – und dann...?! Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen. München 2015

- Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Psychologie, Dr. Ulrich Klocke, 2012: Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen. Eine Befragung zu Verhalten, Einstellungen und Wissen zu LSBT und deren Einflussvariablen.
http://www.psychologie.hu-berlin.de/prof/org/download/klocke2012_1
http://www.psychologie.hu-berlin.de/prof/org/download/klocke2012_2


- Nordt, Stephanie/Kugler, Thomas: Gefühlsverwirrung queer gelesen: Zur psychosozialen Situation von LGBTJugendlichen.In: Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg und Bildungsinitiative QUEERFORMAT: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Handreichung für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe. Berlin 2012

- Rupp, M. (Hrsg.): Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften. Bundesanzeiger Verlag, Köln 2009


- Schupp, Karin: Sie liebt sie. Er liebt ihn. Eine Studie zur psychosozialen Situation junger Lesben, Schwuler und
Bisexueller in Berlin. Hrsg. Von der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Berlin 1999

- Watzlawik, Meike: Uferlos. Jugendliche erleben sexuelle Orientierungen. Hrsg. vom Jugendnetzwerk Lambda NRW, Norderstedt 2004

- Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Landesstelle für Gleichbehandlung - gegen Diskriminierung: Lebenssituationen und Diskriminierungserfahrungen schwuler und bisexueller Männer. Eine Studie des Instituts für Psychologie der Christian‐Albrechts‐Universität zu Kiel unter Leitung von Dr. Anne Bachmann. Berlin 2013