Studien und Umfragen zu LSBTI*

Gliederung:
> Sexuelle Orientierungen - Verteilung/Selbsteinschätzung
> Einstellungen gegenüber LSBTI*
> Lebenssituation von LSBTI*-Jugendlichen
> Gesundheit von LSBTI*
> Benachteiligung, Diskriminierung und Gewalt gegenüber LSBTI*


Sexuelle Orientierungen - Verteilung/Selbsteinschätzung

-> Befragungen zwischen 1996 und 2017 (PDF)

-> Ipsos Pride 2021-Studie und Ipsos Pride 2023-Studie

-> Joyclub-Auswertung: Jede*r Dritte ist bisexuell (Beitrag bei queer.de vom 28.06.2022)


Einstellungen gegenüber LSBTI*

-> Online-Befragung "Genderdebatte: Deutschland im Diversity-Check" des Marktforschungsinstituts Innofact im Auftrag des Partnervermittlers Parship (Mai 2023)

-> Studie "Die distanzierte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2022/23" (Hrsg. von Andreas Zick/Beate Küpper/Nico Mocros für die Friedrich-Ebert-Stiftung)
Mitte_Studien_2021_2023

-> Ipsos Pride 2023-Studie (1.000 Befragte aus Deutschland zwischen 16 und 74 Jahren)
Ehe für alle und Adoptionsrecht:
- 62% der Befragten sind der Meinung, dass gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland legal heiraten dürfen sollten (sechs Prozentpunkte weniger als bei der letzten Erhebung vor zwei Jahren)
- 12% vertreten die Ansicht, dass gleichgeschlechtliche Paare zwar eine Art von rechtlicher Anerkennung erhalten, aber nicht heiraten dürfen sollten. Etwa ebenso viele (13%) sprechen sich gegen jede Form der Anerkennung aus.
- 68% der deutschen Bevölkerung glauben, dass gleichgeschlechtliche Paare mit der gleichen Wahrscheinlichkeit wie andere Eltern erfolgreich Kinder großziehen können. 67% finden, dass Homosexuelle bei der Adoption von Kindern die gleichen Rechte haben sollten wie heterosexuelle Paare. (2021: 69%, 2013: 71%)
- Während sich Frauen und jüngere Personen vergleichsweise häufig für LGBT+-Rechte aussprechen, wird die Gleichstellung von queeren Menschen von Männern und älteren Befragten deutlich seltener befürwortet.
Schutz und Unterstützung von trans* Menschen:
- 47% der Deutschen finden, dass trans Menschen im eigenen Land noch immer stark diskriminiert werden. (Durchschnitt der 30 untersuchten Länder: 67 Prozent)
- 68% sprechen sich in Deutschland grundsätzlich dafür aus, dass transgender Personen in Bereichen wie Arbeit und Wohnen sowie beim Zugang zu Restaurants oder Geschäften vor Diskriminierung geschützt werden sollten. (Durchschnitt aller Länder: 76 Prozent)
- 57% der Deutschen halten es für richtig, dass trans Menschen die Nutzung von nach Geschlechtern getrennten Einrichtungen wie öffentlichen Toiletten gestattet sein sollte, wenn sie dem Geschlecht entsprechen, mit dem sie sich identifizieren, 28% stimmen dem nicht zu.
- 56% stimmen der Frage zu, ob transgender Teenager mit der Zustimmung der Eltern geschlechts-bejahende Behandlungen wie z. B. Beratung und Hormonersatztherapie erhalten sollten.
- 50% der Deutschen finden es richtig, dass die Kosten für Geschlechtsangleichungen genau wie die Kosten für andere medizinische Verfahren von der Krankenversicherung übernommen werden sollten. (35% dagegen)

-> Ipsos Pride 2021-Studie (1.000 Befragte aus Deutschland zwischen 16 und 74 Jahren)
Persönliche Bekanntheit mit LGBT:
40% kennen jemanden persönlich, der*die lesbisch oder schwul ist (Verwandte, Freund*in, Arbeitskolleg*in)
17% kennen jemanden persönlich, der*die bisexuell ist
11% kennen jemanden persönlich, der*die trans* ist (7% transgender, 4% nicht-binär, gender fluid bzw. gender non conforming)
12% waren bereits auf einer LGBT-Veranstaltung wie etwa dem CSD.
11% waren schon mal auf der Hochzeit eines gleichgeschlechtlichden Paares.
21% haben schon mal einen LGBT-Club bzw. Bar besucht.
28% haben schon mal lgbt-feindlichen Vorurteilen widersprochen.
Zustimmung zur Ehe für Alle und Regenbogenfamilien:
68% sind für die gleichgeschlechtliche Ehe
13% befürworten eine rechtliche Anerkennung wie etwa Eingetragene Lebenspartnerschaft, lehnen die Öffnung der Ehe aber ab
10% sind gegen jede rechtliche Anerkennung für gleichgeschlechtliche Paare
9% sind unsicher
69% befürworten (eher) das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, 24% lehnen es ab, 6% sind unsicher
70% finden (eher), dass gleichgeschlechtliche Paare genauso gute Eltern sein können wie heterosexuelle Paare, 23% finden das (eher) nicht, 7% sind unsicher
Offenheit im Alltag:
46% unterstützen es (eher), dass sich LGBT gegenüber allen outen können
39% unterstützen (eher) das öffentliche Zeigen von Zuneigung wie Händchen halten oder Küssen
47% unterstützen (eher) offen lesbisch, schwule, bisexuelle Sportler*innen
32% unterstützen (eher) offen trans* lebende Sportler*innen
34% unterstützen (eher) mehr LGBT-Personen in Fernsehen, Kino oder Werbung zu sehen
50% befürworten (eher) Antidiskriminierungsgesetze
42% finden es (eher) gut, wenn Firmen und Marken für LGBT eintreten

-> Wie tolerant ist Deutschland gegenüber sexueller Vielfalt? Ergebnisse einer Umfrage (1023 repräsentativ ausgewählte Erwachsene in Deutschland) des Meinungsforschungsinstituts Norstat im Auftrag des PLAYBOY (Ausgabe August 2021):
"Mehr als zwei Drittel der Deutschen stehen hinter den Botschaften der Christopher Street Days für sexuelle Vielfalt und Gleichberechtigung und wünschen sich für ihr Land weiterhin wachsende Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten. Diese breite Zustimmung ist allerdings stärker weiblich als männlich geprägt und zeigt ein deutliches Geschlechtergefälle: Während 74,1 Prozent der Frauen und 60,7 Prozent der Männer die CSD-Umzüge begrüßen, lassen doppelt so viele Männer (10,6 Prozent) wie Frauen (5 Prozent) eine ablehnende Haltung erkennen. 20,8 Prozent der Männer und 10,9 Prozent der Frauen äußern laut der Umfrage sogar Verständnis für Menschen, die mit Themen wie Homo- oder Bisexualität wenig Berührung haben möchten und ablehnend oder gar aggressiv auf Menschen dieser sexuellen Orientierungen reagieren.
So offenbart die Umfrage neben einem positiven Mehrheitsbekenntnis zu Themen wie der gleichberechtigten Ehe für alle (62,2 Prozent der Männer, 81,5 Prozent der Frauen), sexueller Vielfalt als Schulstoff im Unterricht (61,5 Prozent der Männer, 72,6 Prozent der Frauen) und wachsender Sichtbarkeit sexueller Vielfalt durch mehr Outings (51,1 Prozent der Männer, 60,4 Prozent der Frauen) auch verbreitete Ressentiments: 30,2 Prozent der Männer und 19,4 Prozent der Frauen empfinden laut der Umfrage öffentlichen Austausch von Zärtlichkeiten zwischen homosexuellen Männern als „unangenehm“ (zwischen homosexuellen Frauen: 18,9 Prozent der Männer und 19,4 Prozent der Frauen).
24,7 Prozent der Männer und 12,2 Prozent der Frauen würden mit ebenso negativen Emotionen auf ein Outing ihres eigenen Kindes reagieren. Und 45 Prozent der Männer sowie 27,8 Prozent der Frauen würden es der Umfrage zufolge begrüßen, wenn nicht-heterosexuellen Menschen etwas weniger Aufmerksamkeit für ihre Sexualität in der Öffentlichkeit und in den Medien erführen. Diese negativen Einstellungen korrespondieren laut Sozialforschern häufig mit dem Nichtwissen um die biologischen Ursachen sexueller Orientierung. So nehmen 35,2 Prozent der von Norstat Befragten fälschlicherweise an, die sexuelle Orientierung entwickele sich maßgeblich durch sexuelle Erfahrungen. Die nach wissenschaftlichem Stand maßgeblichen hormonellen (und genetischen) Faktoren nannten hingegen 37,3 Prozent (und 31,9 Prozent) der befragten Frauen und Männer."

-> Studie "Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2020/21" (Hrsg. von Andreas Zick/Beate Küpper für die Friedrich-Ebert-Stiftung)
Die geforderte Mitte 2020_21 

-> Umfrage "Einstellungen gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in Deutschland" im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Prof. Dr. Beate Küpper, Hochschule Niederrhein / Mitarbeit: Dr. Ulrich Klocke, Humboldt-Universität zu Berlin und Carlotta Hoffmann, Hochschule Niederrhein / Befragung Oktober/November 2016):
> 80,6 Prozent halten die Aussage, dass Homo- und Bisexuelle in Deutschland immer noch diskriminiert bzw. benachteiligt werden, für voll und ganz oder eher zutreffend
> 94,6 Prozent finden es "voll und ganz" bzw. "eher" gut, dass es einen gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung gibt
> 89,6 Prozent stimmen dem Ziel zu, in Schulen Akzeptanz gegenüber homo- und bisexuellen Personen zu vermitteln.
> Je mehr das Thema Homo- und Bisexualität ihren privaten Lebensbereich berührt, desto skeptischer äußern sich die Befragten: relativ wenige empfänden es als "sehr" oder "eher" unangenehm, wenn Arbeitskollegen homosexuell sind (11,8 Prozent bei einer lesbischen Kollegin, 12,6 Prozent bei einem schwulen Kollegen). Hingegen sagen 39,8 Prozent der Befragten, es wäre ihnen "sehr" oder "eher" unangenehm zu erfahren, dass die eigene Tochter lesbisch ist; 40,8 Prozent, wenn der eigene Sohn schwul ist.
> Auch die Sichtbarkeit homosexueller Paare in der Öffentlichkeit ist vergleichsweise vielen Befragten unangenehm: 38,4 Prozent sehen es demnach nicht gern, wenn zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigen, etwa indem sie sich küssen. 27,5 Prozent finden es unangenehm, wenn es sich um zwei Frauen handelt. Zum Vergleich: Ihre Zuneigung zeigende heterosexuelle Paare empfinden knapp 10,5 Prozent als unangenehm.
> Offen abwertende Einstellungen gegenüber Homosexuellen werden von einer Minderheit geteilt: 18,3 Prozent stimmen jedoch der Aussage "eher" bzw. "voll und ganz" zu, Homosexualität sei unnatürlich.


Lebenssituation von LSBTI*-Jugendlichen

Studien belegen eine erhöhte psycho-soziale Belastung. So zeigt Meike Watzlawik (2004), dass lesbische und schwule Jugendliche unter der Negativ-Wahrnehmung oder Nicht-Wahrnehmung ihrer sexuellen Orientierung leiden und teilweise destruktive Bewältigungsstrategien wählen, um ihre innere Zerissenheit und Unzufriedenheit aushalten zu können. Ältere Studien (für Deutschland: Land Berlin 1999, Biechele u. a. 2001) besagen, dass die Rate von Selbstmordversuchen bei homosexuellen Jugendlichen etwa viermal so hoch ist wie bei heterosexuellen Jugendlichen.

-> Die Studie "Coming-out – und dann…?!" (Deutsches Jugendinstitut, 2015) zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen ergab, dass das innere Coming-out, also der Prozess der Bewusstwerdung und die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität, häufig Jahre dauert und oft als belastend erlebt wird.
Viele LSBT-Jugendliche versuchen aus Sorge vor negativen Reaktionen ihrer Eltern und Geschwister, im Freundeskreis, in der Schule oder in der Ausbildung über einen längeren Zeitraum ihre "wahren Gefühle" zu unterdrücken oder zu verheimlichen. 61% der Befragten gaben an, sich vor einem Coming-out im schulischen oder beruflichen Kontext zu fürchten und die meisten vermeiden ein Coming-out während der Schulzeit aus Angst vor Ausgrenzung und Mobbing.
Rund zwei Drittel gaben an, dass in ihrem engeren Familienkreis ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht ernst genommen worden sei. Knapp 17 Prozent erklärten, sie seien von Familienmitgliedern beleidigt, beschimpft oder lächerlich gemacht worden, drei Prozent berichteten von Gewalt aufgrund ihres Coming-outs. 44% aller Befragten gaben an, in der Vergangenheit Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung odergeschlechtlichen Identität im Bildungs- oder Arbeitskontext erlebt zu haben.

-> Für den 7. Kinder- und Jugendbericht Sachsen-Anhalt wurden im Jahr 2018 über 2.000 junge Menschen befragt. Zwei Prozent der befragten jungen Menschen gaben bei der Frage zum Geschlecht an, trans*, inter* oder queer* zu sein. Die sexuelle Orientierung der Befragten wurde nicht erhoben. 40 Prozent aller Befragten gab an, dass ihnen der Schutz der Rechte von LSBTIQ sehr wichtig und weiteren 29 Prozent eher wichtig ist.
11 Prozent (123 Personen!) der befragten Jugendlichen gaben an, dass sie sich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Identität benachteiligt gefühlt haben. 31 Prozent (9 Personen) der Jugendlichen, die angaben, trans*, inter* oder queer* zu sein, stuften ihre eigene Gesundheit als schlecht bzw. weniger gut ein. 30 Prozent der Befragten (9 Personen) der trans*, inter* bzw. queeren Jugendlichen waren selbst Opfer von Gewalt geworden.


Gesundheit von LSBTI*

Studienergebnisse belegen geringere Chancen auf ein gesundes Leben für LSBTI*.

-> Studie "Sexuelle Gesundheit und HIV/STI in trans und nicht-binären Communitys" (Robert Koch-Institut/Deutsche Aidshilfe 2023, 3.000 Menschen per Online-Fragebogen, persönliche Interviews mit 59 Personen):
- Trans und nichtbinäre Menschen sind generell erhöhten gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Psychische Belastungen entstünden laut den Forschenden etwa durch Diskriminierungserfahrungen und Stigmatisierung, aber auch, weil der eigene Körper oder bestimmte Körperteile als unpassend empfunden werden. Die körperliche Gesundheit sei zum Beispiel durch fehlende Kompetenz bei Ärzt*innen gefährdet.
- 79 Prozent gaben in der Online-Befragung an, dass sie schon mindestens einmal das Gefühl hatten, in sexuellen Situationen ihre Geschlechtsidentität durch ihr Verhalten beweisen zu müssen. 55 Prozent fällt es demnach nicht leicht, ihre Bedürfnisse beim Sex zu äußern und diesen aktiv mitzugestalten. 31 Prozent der online Befragten fällt es schwer, "Nein" zu Sex zu sagen, den sie nicht möchten. Einige Teilnehmende berichteten, dass sie sich nicht trauten, auf ihre Safer-Sex-Wünsche zu bestehen.
- Trans und nichtbinäre Menschen träfen häufig auf ein Gesundheitssystem, "das sich noch immer fast ausschließlich an der überkommenen Einteilung in lediglich zwei Geschlechter orientiert – vom Aufnahmebogen über Beratung und Medikation bis zur Abrechnung", so die DAH.
- Lediglich 32 Prozent gaben in der Online-Befragung an, dass bei ihrer letzten Beratung zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen der selbstgewählte Name, die geschlechtliche Identität und das gewünschte Pronomen erfragt wurden. Werden Fragebögen zu gesundheitlichen Vorerkrankungen geschlechtsspezifisch verteilt, stimmen die darauf abgebildeten Genitalien und Schleimhäute oft nicht mit den körperlichen Gegebenheiten der Ratsuchenden überein. Ein strukturelles Hindernis bestehe zum Beispiel, wenn Gynäkolog*innen die Gebärmutterhalskrebsvorsorge nicht abrechnen können, weil bei der Krankenkasse das Geschlecht "männlich" gespeichert ist.
- Auch in der Beratung mangle es oft an entscheidenden Kenntnissen: Wenn eine beratende Person zum Beispiel nicht weiß, dass einige trans Männer aufnehmenden Vaginalsex praktizieren, könne das bei der Beratung zur HIV-Prophylaxe PrEP gefährliche Folgen haben: Für aufnehmenden Vaginalverkehr gilt nämlich ein besonderes Einnahmeschema, weil es länger dauert, bis sich in der Vaginalschleimhaut ein ausreichender PrEP-Schutz aufgebaut hat.
- In der Studie wird empfohlen, dass es mehr Test- und Beratungsangebote speziell für trans und nichtbinäre Menschen geben soll. In breiter aufgestellten Einrichtungen seien außerdem spezielle Angebote notwendig, etwa Testtage für geschlechtliche Minderheiten. Zudem sei geeignetes Informationsmaterial auch für Fachpersonal vonnöten, ebenso wie die Thematisierung in der Ausbildung.

-> Die am 10.02.2021 vom DIW Berlin veröffentlichten Ergebnisse basieren auf Daten des sozio-ökonomischen Panels (repräsentative Wiederholungsbefragung von Privathaushalten in Deutschland) und einer Onlinebefragung der Universität Bielefeld. Die Studienergebnisse fußen auf Angaben von mehr als 28.000 Erwachsenen im Jahr 2019, von denen sich rund 4.500 selbst als LSBTI* beschrieben.
In Deutschland sind LSBTI* zweieinhalb mal häufiger von Depressionen betroffen als cisgeschlechtliche, heterosexuelle Menschen. Der Anteil von LSBTI* mit Herzkrankheiten, Asthma und chronischen Rückenschmerzen ist weitaus höher als in der restlichen Bevölkerung, LSBTI* fühlen sich doppelt so oft einsam als die restliche Bevölkerung und 40 Prozent der trans* Menschen leiden unter Angststörungen. Nach aktuellem Stand der Forschung sind vor allem psycho-soziale Belastungen sowie Diskriminierungen verschiedenster Art Auslöser dieser Erkrankungen und Gesundheitsgefährdungen.

-> Journal of Health Monitoring des Robert-Koch-Institutes (Berlin, 18.03.2020): Die gesundheitliche Lage von lesbischen, schwulen, bisexuellen sowie trans- und intergeschlechtlichen Menschen

-> Die Studie "Wie geht's euch? - Psychosoziale Gesundheit und Wohlbefinden von LSBTIQ*" der Frankfurt University of Applied Sciences (2019 / Auswertung von Datensätzen von 8.700 queeren Menschen aus Deutschland) hat sich mit psychosozialer Gesundheit und Wohlbefinden von queeren Menschen befasst und festgestellt, dass viele wegen Ausgrenzung unter Problemen leiden, die cisgeschlechtliche und heterosexuelle Menschen nicht betreffen. Festgestellt wurden zahlreiche Belege für Minderheitenstress von LSBTIQ*, der für die höhere gesundheitliche Belastung verantwortlich ist. Mehr als die Hälfte der Befragten berichtet von Diskriminierung an einem öffentlichen Ort, knapp die Hälfte im Bildungswesen, 37 % in der Familie, ungefähr jede fünfte Person im Gesundheitswesen und in der queeren Community.


Benachteiligung, Diskriminierung und Gewalt gegenüber LSBTI*

Das Ausmaß von Benachteiligung, Diskriminierung und Gewalt ist weiterhin hoch.

-> Statistik der Polizei Sachsen-Anhalt zur Hasskriminalität:
Statistik Polizei Sachsen-Anhalt
Erläuterung: Geschlecht/sexuelle Identität wurde für 2022 durch "frauenfeindlich" und "männerfeindlich" sowie "geschlechtsbezogene Diversität" ersetzt, daher keine Erfassung in 2022. Bei 3 Straftaten gab es eine überschneidende Einstufung in "gegen die sexuelle Orientierung" und "geschlechtsbezogene Diversität". Es sind also nicht 37 sondern 34 Straftaten geschehen.

-> Jahresbilanz der Mobilen Opferberatung 2022 u. a. mit Daten zu LGBTIQ*-feindlichen Gewalttaten in Sachsen-Anhalt

-> OECD-Studie "The Road to LGBTI+ Inclusion in Germany: Progress at the Federal and Länder Levels" (2023)
     - Link zur Studie (in Englisch)
     - Beitrag bei queer.de vom 15.02.2023

-> YouGov-Umfrage "Somewhere over the Rainbow – So geht es LGBTIQ+ Beschäftigten am Arbeitsplatz" (Jobseite Indeed & Personalberatung UHLALA Group, Mai 2023, 1.031 LGBTIQ+-Arbeitnehmer*innen)

-> Laut der Studie "Lebenslagen von lsbtiq* Personen in Sachsen" (11/2021-01/2022, 1.490 Befragte) zeigen sich größere Handlungsbedarfe für nicht-cisgeschlechtliche Personen: Sie berichten in allen Bereichen häufiger von Diskriminierung als cisgeschlechtliche lsbq* Personen, sind seltener mit ihrem Leben zufrieden und können ihren Lebensentwurf seltener selbstbestimmt gestalten. Im ländlichen Raum Sachsens sind besonders viele lsbtiq* Personen nicht geoutet (rund 40 % nicht oder nur teilweise). 72 % aller Befragten sehen sich in der Möglichkeit der Famileingründung mit Kindern im Nachteil. Viele beklagen zudem mangelnde Chancengerechtigkeit bei Ämtern und Behörden. Probleme gebe es auch im Umgang mit Polizei und Justiz. Nur 26 % der Befragten fühlt sich im öffentlichen Raum sicher, beinahe jede*r Zweite hat seit 2017 Übergriffe erfahren und davon haben nur 7 % mindestens einen Vorfall bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft gemeldet. Laut der Studienleiterin Christina Rauh gibt es Handlungsbedarf auf mehreren Gebieten: dem Schutz von lsbtiq* Menschen vor Übergriffen, mehr Unterstützung bei der Familiengründung, der Erleichterung der Transitionsphase insbesondere für trans* Personen sowie Aufklärung über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt bereits in der Schule.

-> Die Ergebnisse der zweiten Umfrage der Agentur für Grundrechte der Europäischen Union (2019 mit 140.000 Teilnehmenden) zu den Erfahrungen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI) in Europa ergab, dass Angst, Gewalt und Diskriminierung nach wie vor weit verbreitet sind.
In Deutschland (16.000 Befragte) wurden 13 Prozent der LSBTI in den vergangenen fünf Jahren körperlich oder sexuell attackiert. Eine verbale Belästigung mussten im Jahr vor der Befragung sogar 36 Prozent in Deutschland erleiden. Die Umfrage offenbart nicht nur Angriffe und Diskriminierung, sondern auch die Angst davor: Nur 57 Prozent der LSBTI in Deutschland leben ihre sexuelle Orientierung bzw. Geschlechtsidentität offen aus. 45 Prozent der Befragten meiden aus Angst vor Angriffen, sich mit Partner*in händchenhaltend in die Öffentlichkeit zu begeben. Auch wirtschaftlich werden LSBTI benachteiligt. Laut der Studie kommt jede dritte befragte Person nur mit Mühe finanziell über die Runden. Von den Befragten in Deutschland fühlte sich eine von zehn Personen auf der Jobsuche diskriminiert. Eine Diskriminierung auf der Arbeit haben 23 Prozent erlebt. FRA-Website   Ergebnisse in deutscher Sprache   Ergebnisse für Deutschland (in Englisch)

-> "Out im Office?!" Sexuelle Identität und Geschlechtsidentität, (Anti-)Diskriminierung und Diversity am Arbeitsplatz." (Autor_innen: Frohn, D., Meinhold, F. und Schmidt, C. / Hrsg.: IDA | Institut für Diversity- & Antidiskriminierungsforschung, 2017) -> zentrale Ergebnisse der Studie

-> Schwule und bisexuelle Männer sind erhöhten gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, wenn sie unter Diskriminierung auf Grund ihrer sexuellen Orientierung leiden. Dies geht aus der Studie "Schwule Männer und HIV/Aids" hervor, für die knapp 17.000 Männer 2013/2014 befragt wurden. Die Untersuchung zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Diskriminierung, psychischen Erkrankungen und HIV-Risiken. 15% der Studienteilnehmer hatten in den 12 Monaten vor der Befragung verbale oder körperliche Gewalt erfahren. Bei den 16-19-Jährigen waren es sogar 37 Prozent.
Die Abwertung, die mit Diskriminierungserfahrungen verbunden ist, wirkt sich negativ auf das Selbstwertgefühl aus. Drei Viertel der Befragten haben negative Einstellungen gegenüber Homosexualität verinnerlicht. Je stärker dies der Fall ist, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass homo- und bisexuelle Männer unter Depressionen und Angsterkrankungen litten und zu ungeschütztem Analverkehr und risikovollem Drogenkonsum neigten. Junge Schwule sind hiervon besonders betroffen.

-> Eine 2013 durchgeführte Befragung im Bundesland Rheinland Pfalz (Langfassung und Kurzfassung) im Auftrag der Landesregierung ergab, dass über die Hälfte der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* wegen ihrer sexuellen Orientierung bzw. Geschlechtsidentität Benachteiligungen und Diskriminierung erleben mussten. Besonders wurden der öffentliche Raum und die Schule als Orte der Diskriminierung benannt. Insgesamt zeigt sich eine stärkere Benachteiligung der befragten transsexuellen Menschen gegenüber anderen Identitätsgruppen in nahezu allen Lebensbereichen.

 

ILGA-Karte (Dezember 2020) zu Gesetzen zur sexuellen Orientierung in der Welt

 

Quellen-Angaben ohne Verlinkung:

- Biechele, Ulrich/Reisbeck, Günter/Keupp, Heiner: Schwule Jugendliche. Ergebnisse zur Lebenssituation, sozialen und sexuellen Identität. Hrsg. Vom Niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales, Hannover 2001

- Schupp, Karin: Sie liebt sie. Er liebt ihn. Eine Studie zur psychosozialen Situation junger Lesben, Schwuler und Bisexueller in Berlin. Hrsg. Von der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Berlin 1999

- Watzlawik, Meike: Uferlos. Jugendliche erleben sexuelle Orientierungen. Hrsg. vom Jugendnetzwerk Lambda NRW, Norderstedt 2004

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Zusammengestellt durch:
Ants Kiel (Dipl.-Päd.)
Fachstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt (LKS Süd) beim BBZ "lebensart" e.V.